Lebenserwartung im viktorianischen Zeitalter

Leben wir heute wirklich länger als früher? Eine interessante Studie von Dr. Paul Clayton und Dr. Judith Rowbotham über die Lebenserwartung im viktorianischen Zeitalter von 1850 bis 1880, kann uns darauf eine interessante Antwort geben.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Produktivität Großbritanniens. Das Land kontrollierte ein großes Reich, es herrschte eine nationale Stimmung des Vertrauens und des Optimismus. Die politische Stabilität förderte die Produktivität, die Anbaumethoden wurden fortlaufend verbessert, wodurch auch das Angebot an saisonalen Früchten und Gemüse stieg.

Der wachsende Wohlstand führte dazu, dass die Bevölkerung vermehrt vom Land in die Stadt zog. Die Arbeiterklasse, welche Drei Viertel der Bevölkerung ausmachte, war körperlich sehr aktiv, was sich auch durch die im Vergleich zu heute, doppelt so hohe Kalorienaufnahme bemerkbar machte.

Ein Elendsviertel im Market Court, Kensington, 1860er Jahre.
Bildquelle: Wikimedia

Auf dem Speiseplan der damaligen Zeit standen Früchte, Gemüse, Vollkorngetreide sowie öliger Fisch, diese Lebensmittel waren frisch, meist unverarbeitet und änderten je nach Saison. Durch die hohe Kalorienaufnahme verdoppelte sich auch die Aufnahme an Mikro- und Phytonährstoffe (Sekundäre Pflanzenstoffe) gegenüber heute.

Was die Bevölkerung im viktorianischen Zeitalter aß

Gemüse (Saisonal)

•             Zwiebeln

•             Lauch

•             Brunnenkresse

•             Topinambur

•             Karotten und Rüben

•             Kohl

•             Brokkoli

•             Erbsen

•             Bohnen

Früchte (Saisonal)

•             Äpfel

•             Kirschen

•             Stachelbeeren

•             Pflaumen

•             Edel-Pflaume

Trockenfrüchte und kandierte Schale waren immer billig erhältlich und wurden zum Süßen von Desserts wie Brotpudding und für Kuchen und Hackfleisch verwendet.

Hülsenfrüchte und Nüsse

•             getrocknete Hülsenfrüchte

•             Kastanien

•             Haselnüsse

•             Walnüsse

•             Mandeln

•             Paranüsse

•             Kokosnuss

Fisch und Meeresfrüchte

•             Hering

•             Sprotten

•             Aale

•             Schalentiere (Austern, Muscheln, Herzmuscheln, Wellhornschnecken).

•             Kabeljau

•             Schellfisch

•             Petersfisch

Fleisch

•             Fleisch am Knochen

•             Innereien wie Hirn, Herz, Bries, Leber, Nieren

•             Schweinefleisch war das am häufigsten verzehrte Fleisch

Eier und Milchprodukte

•             Eier

•             Milch

•             Wenig Butter

•             Bratfett

•             Hartkäse

Alkohol und Tabak

•             Selbstgemachtes Bier (1-2% Alk.)

•             Bier im Pub (2-3% Alk.)

•             Pfeifenrauchen, Zigaretten/Zigarren bei speziellen Gelegenheiten

Körperliche Aktivität & Nährstoffreiche Ernährung

Die Körperliche Aktivität und die Nährstoffreiche Ernährung führte zum besten Gesundheitsstandard, den ein moderner Staat je hatte. Die Anzahl der degenerativen Erkrankungen lag bei 10% der unsrigen und die öffentlichen Aufzeichnungen zeigen eine fast gleiche hohe Lebenserwartung wie heute.

Angesichts der Tatsache, dass moderne pharmazeutische, chirurgische, anästhetische, scannende und andere diagnostische Technologien nicht verfügbar waren, ist die hohe Lebenserwartung sehr auffällig und kann nur auf einen gesundheitsfördernden Lebensstil zurückzuführen sein. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass mit Ausnahme der Familienplanung das riesige Konstrukt der Gesundheitsfürsorge des zwanzigsten Jahrhunderts uns nicht in die Lage versetzt hat, länger zu leben, sondern im Wesentlichen nur Methoden zur Unterdrückung der Symptome degenerativer Krankheiten geliefert hat, die aufgrund unseres Versagens bei der Aufrechterhaltung der Ernährungsstandards der viktorianischen Zeit entstanden sind. Dies führt uns zur Erkenntnis, dass die medizinischen Fortschritte, die mit der Produktion der pharmazeutischen Industrie verbunden sind, nicht mehr als die Art und Weise unseres Sterbens verändert haben.

Todesursachen in der viktorianischen Zeit im Vergleich zu heute

Das allgemeine Muster der Todesursachen in der viktorianischen Zeit ähnelt weitgehend dem, das heute in den Entwicklungsländern zu finden ist, wobei Infektion, Trauma und Säuglings-/Muttersterblichkeit in den Spitzenpositionen und nicht übertragbare degenerative Krankheiten relativ unbedeutend sind.

Häufige Todesursachen

  • Infektionen einschließlich Tuberkulose und andere Lungeninfektionen wie Lungenentzündung; Epidemien (Scharlach, Pocken, Grippe, Typhus, Cholera usw.), deren Ausbreitung oft mit mangelhafter Hygiene in Verbindung gebracht wird: und die sexuell übertragbaren Krankheiten.
  • Unfälle/Traumata im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz und den häuslichen Bedingungen. Der Tod durch Verbrennungen war eine häufige Todesursache bei Frauen, was vor allem auf eine Kombination aus offenem Herd, Kleidermode und der Verwendung leicht entflammbarer Stoffe zurückzuführen ist.
  • Säuglings-/Muttersterblichkeit. Dies war im Allgemeinen auf eine Infektion zurückzuführen, obwohl die mütterliche Blutung ein weiterer wichtiger ursächlicher Faktor war.
  • Herzinsuffizienz. Dies war in der Regel auf eine Schädigung der Herzklappen durch rheumatisches Fieber zurückzuführen und stellte keine degenerative Erkrankung dar. Angina Pectoris erscheint erst 1857 in den Aufzeichnungen des Generalregistrators als Todesursache – und dann als Alterserkrankung – obwohl die Diagnose und ihre Ursachen erkannt wurden.

Ungewöhnliche Todesursachen

  • Koronare Herzerkrankung
  • Lähmungserscheinungen (Schlaganfälle). Schlaganfälle wurde hauptsächlich mit der Mittel- und Oberschicht in Verbindung gebracht, die eine Ernährung aßen, bei der tierische Nahrungsmittel eine wichtigere Rolle spielten, und die infolgedessen eher weniger Obst und Gemüse konsumierten. Schlaganfälle waren im Allgemeinen nicht tödlich, zumindest das erste Mal; obwohl die Sterblichkeitsraten mit jedem weiteren Schlaganfall stiegen.
  • Krebserkrankungen waren relativ selten. Die Menschen in der viktorianischen Zeit verfügten zwar nicht über ausgefeilte diagnostische oder Screening-Technologie, sie waren jedoch in der Lage, Krebs im Spätstadium zu diagnostizieren; was aber eher ein ungewöhnlicher Befund war. In dieser Zeit wurde der Krebs nicht im selben Masse stigmatisiert wie heute und wurde unvoreingenommen diagnostiziert. Als Beispiel beschrieb 1869 der Arzt vom Charing Cross Krankenhaus Lungenkrebs als ‚… eine der selteneren Formen einer seltenen Krankheit. Sie können wahrscheinlich den Rest Ihres Studentenlebens verbringen, ohne ein weiteres Beispiel dafür zu sehen“.
Charing Cross Hospital in der Agar Street, Westminster, dem Sitz des Krankenhauses von 1834 bis 1973
Bildquelle: Wikimedia

… Lungenkrebs, eine der selteneren Formen einer seltenen Krankheit. Sie können wahrscheinlich den Rest Ihres Studentenlebens verbringen, ohne ein weiteres Beispiel dafür zu sehen“.

Hyde Salter H. On the treatment of asthma by belladonna. The Lancet. 1869:152–153.

Im Vergleich zu heute waren Krebserkrankungen nicht nur sehr selten, sondern sie unterschieden sich auch in anderen wichtigen Punkten. James Paget baute eine große Praxis mit dem Fokus auf die Diagnose von Brustkrebs. Die Diagnose führte er durch Sehen und Abtasten aus – also im 3 und 4. Stadium. In dieser Gruppe beschreibt er eine Lebenserwartung von 4 Jahren nach der Diagnose, die sich bei einer Operation auf acht oder mehr Jahre verlängert. Die entsprechenden Zahlen liegen heute im 3 Stadium bei: 50% Überleben nach 10 Jahren bei Operation, Chemo- und Strahlentherapie und im 4 Stadium: Gesamtüberleben etwa 15 Monate. Diese Zahlen legen nahe, dass Brustkrebs während der viktorianischen Zeit deutlich weniger schnell fortschritt als heute, wahrscheinlich aufgrund der signifikant höheren Aufnahme von Mikro- und Phytonährstoffen, die den Krebswachstum verlangsamten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Menschen im viktorianischen Zeitalter von 1850-1880, mit derselben Lebenserwartung wie heute, relativ immun gegen chronisch degenerative Krankheiten waren.

Rückgang der Ernährungsstandards zwischen 1880 und 1900

Großbritannien nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine weltweit dominante Position ein. Die Bevölkerungszahl hatte sich von 1830 bis 1901 auf 41,5 Millionen fast verdoppelt. Der weltweite Freihandel erlaubte es, den ansteigenden Nahrungsmittelbedarf durch Import billiger Grundnahrungsmittel wie Weißmehl, Fleischkonserven, Obstkonserven und Kondensmilch zudecken.

Oberfeldwebel und Offizier, 1840er Jahre
Bildquelle: Wikimedia

Der Rückgang der Ernährungsstandards zwischen 1880 und 1900 war so ausgeprägt, dass die Generationen sichtbar und fortschreitend schrumpften. 1883 war die Infanterie gezwungen, die Mindestgröße für Rekruten von 5 Fuß 6 Zoll (ca. 168 cm) auf 5 Fuß 3 Zoll (ca. 162 cm) zu senken. Dies lag daran, dass die meisten neuen Rekruten nun aus einem städtischen statt dem traditionellen ländlichen Hintergrund kamen (die Volkszählung von 1881 zeigte, dass über drei Viertel der Bevölkerung nun in Städten lebten). Faktoren wie der Mangel an Sonnenlicht in den städtischen Slums (der aufgrund des Vitamin-D-Mangels zu Rachitis führte) hatten die Größe der jungen männlichen Freiwilligen bereits verringert.

Der Mangel an Sonnenlicht konnte jedoch nicht der einzige kritische Faktor bei der nächsten Reduzierung der Körpergröße, nur 18 Jahre später, gewesen sein. Die Gesetze zur Luftreinhaltung hatten zu diesem Zeitpunkt die Sonneneinstrahlung in den Städten bereits deutlich verbessert. Offiziere, die aus der Mittel- und Oberschicht stammten, konnten sich frische Lebensmittel leisten und waren dadurch weitaus besser genährt, als ihre Kameraden aus der Unterschicht. Durch die bessere Ernährung waren diese Offiziere im Durchschnitt einen vollen Kopf größer als ihre unterernährten und kränklichen Kameraden.

Die Auswirkungen der Geschichte des viktorianischen Zeitalters sind weitreichend, denn im Gegensatz zum paläolithischen Szenario sind die Einzelheiten des damaligen Lebensstils und seine Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit umfassend dokumentiert. Die Erfahrung zeigt uns somit deutlich, dass:

  • Degenerative Krankheiten nicht durch das Alter verursacht werden (die „Verschleiß“-Hypothese), sondern im Wesentlichen durch chronische Unterernährung verursacht werden. Unsere energiearme Lebensweise führt dazu, dass die anabolen und antikatabolen Kofaktoren erschöpft sind; und dieses Ungleichgewicht wird durch die übermäßige Aufnahme von Entzündungsstoffen noch verstärkt. Die gegenwärtige Epidemie degenerativer Erkrankungen wird durch das weitverbreitete Problem des mehrfachen Abbaus von Mikro- und Phyto-Nährstoffen (Typ-B-Mangelernährung) verursacht.
  • Mit Ausnahme von Familienplanung und Antibiotika hat das Gesundheitswesen des zwanzigsten Jahrhunderts kaum mehr als Instrumente zur Unterdrückung der Symptome der degenerativen Krankheiten hervorgebracht, die aufgrund unseres Versagens bei der Aufrechterhaltung des Ernährungsstandards des viktorianischen Zeitalters entstanden sind.
  • Die einzige Möglichkeit, die nachteiligen Auswirkungen der Unterernährung vom Typ B zu bekämpfen und degenerative Krankheiten zu verhindern und/oder zu heilen, besteht darin, die Nährstoffdichte der modernen Ernährung zu erhöhen.

Unsere körperliche Aktivität und damit auch unsere Nahrungsaufnahme sind auf einem historischen Tiefstand. Erschwerend kommt hinzu, dass die moderne Ernährung im Vergleich zur Ernährung im viktorianischen Zeitalter von 1850-1880 reich an verarbeiteten Lebensmitteln ist. Sie hat ein höheres Natrium/Kalium-Verhältnis und enthält weit weniger Obst, Gemüse, Vollkorn und Omega-3-Fettsäuren. Sie enthält weniger Ballaststoffe und Phytonährstoffe, sowohl proportional als auch absolut; und aufgrund unserer hohen Aufnahme von Kartoffelprodukten, Frühstückszerealien, Süßwaren und raffinierten Backwaren kann sie eine höhere glykämische Belastung aufweisen. Aus all dem folgt, dass wir zwangsläufig eher unter einer Mangelernährung (mehrfacher Mangel an Mikro- und Phytonährstoffen) leiden als unsere Vorfahren im viktorianischen Zeitalter von 1850-1880.

Eine vollwertige Diät mit 4.000 Kalorien pro Tag, wie sie die Menschen im viktorianischen Zeitalter gegessen haben, lässt sich in unserer modernen Zeit nur schwer umsetzen. Um trotzdem ein ähnliches Level an Nährstoffen zu erreichen, bietet sich der Konsum von hochwertigen Nahrungsergänzungsmitteln an. Es ist dabei wirklich wichtig, hochwertige Nahrungsergänzungsmittel zu konsumieren, da diese aufgrund grösserer Bioverfügbarkeit vom Körper besser aufgenommen werden können.

Weiterführende Literatur

Ein Gedanke zu “Lebenserwartung im viktorianischen Zeitalter”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.